Literarische Erörterung schreiben - Erklärung für Deutsch (Klasse 12)
Begleitmaterial
Definition der literarischen Erörterung
Eine literarische Erörterung ist eine argumentierende Textform, bei der du dich mit einer Fragestellung zu einem literarischen Werk (Roman, Drama, Gedicht) auseinandersetzt. Im Gegensatz zur reinen Interpretation, die das Werk analysiert, bewertest oder diskutierst du hier eine bestimmte These oder ein Problem, das durch das Werk aufgeworfen wird. Du verknüpfst dabei Textbelege mit deinem eigenen Urteilsvermögen.
Der Aufbau
Die Struktur folgt dem klassischen Aufbau einer Erörterung, eingebettet in den literarischen Kontext:
- Einleitung: Nennung von Autor, Titel, Gattung und Erscheinungsjahr. Hinführung zum Thema und Formulierung der zentralen Fragestellung oder These.
- Hauptteil:
- Argumentationsgang: Du wählst zwischen einer linearen (einseitigen) oder dialektischen (pro/contra) Erörterung.
- Textbezug: Jedes Argument muss durch Zitate oder Szenenanalysen aus dem Werk gestützt werden.
- Synthese: Du verknüpfst die literarischen Befunde mit deiner eigenen Argumentation.
- Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse. Beantwortung der Ausgangsfrage und ein Ausblick oder ein abschließendes Urteil zur Relevanz des Themas.
Grundprinzip: Die Argumentationskette
Um eine überzeugende Erörterung zu schreiben, nutzt du das "Behauptung – Begründung – Beispiel" (BBB-Prinzip):
- Behauptung: Dein Argument zum Werk.
- Begründung: Warum ist das Argument logisch?
- Beispiel: Beleg aus dem Text (inklusive Zeilenangaben).
Beispiel: Erörterung zu Goethes "Faust I"
Fragestellung: "Ist Fausts Streben nach Wissen ein Ausdruck von Fortschritt oder ein Ausdruck von Egoismus?"
- Einleitung: In Johann Wolfgang von Goethes Drama Faust I (1808) wird das unstillbare Verlangen des Protagonisten thematisiert. Es stellt sich die Frage, ob Fausts Wissensdrang als zukunftsorientierter Fortschritt oder als destruktiver Egoismus zu werten ist.
- Hauptteil (Beispiel für ein Argument):
- Behauptung: Fausts Streben ist primär egoistisch geprägt, da er die Konsequenzen für seine Mitmenschen ignoriert.
- Begründung: Sein Wunsch nach Erkenntnis übersteigt die Grenzen menschlicher Moral, was dazu führt, dass er andere Personen als Mittel zum Zweck betrachtet.
- Beispiel: Dies zeigt sich besonders in der Gretchentragödie. Faust ist so sehr mit seiner eigenen Selbstverwirklichung beschäftigt, dass er Gretchens soziale und existenzielle Vernichtung in Kauf nimmt, um seine "Wissenschaft" und seine Lust zu befriedigen (vgl. V. 3374 ff.).
- Schluss: Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Fausts Streben zwar den menschlichen Drang nach Fortschritt symbolisiert, durch die moralische Rücksichtslosigkeit jedoch in egoistischem Handeln mündet. Sein "Fortschritt" ist somit kein gesellschaftlicher Gewinn, sondern eine individuelle Tragödie.
Tipps für die Umsetzung
- Objektivität: Auch wenn du eine eigene Meinung hast, muss diese immer auf den Text gestützt sein. Vermeide reine Behauptungen ohne Beleg.
- Präsens: Schreibe den gesamten Text im Präsens, da literarische Werke zeitlos sind.
- Fachbegriffe: Nutze Begriffe wie Motivik, Charakterisierung, epische Struktur oder dramatische Ironie, um deine Argumentation präziser zu gestalten.
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Schüler lernen hier, wie sie eine eigene Meinung zu einem literarischen Thema klar und logisch mit Textbelegen verknüpfen können. Dabei erfahren sie, wie eine literarische Erörterung aufgebaut ist und dass jedes Argument mit einer Behauptung, einer Begründung und einem Beispiel aus dem Text gestützt werden muss, um überzeugend zu sein. So üben sie, kritisch über Literatur nachzudenken und ihre Gedanken verständlich zu formulieren.
Die Erklärung entspricht dem klassenüblichen Niveau und eignet sich für den Einsatz im Unterricht. Du kannst du dir passenden Übungen dazu generieren lassen oder es als PDF oder auf Papier ausdrucken.
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